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WIE ETHISCH IST RAUMFAHRT?

—— Die bemannte Raumfahrt steht vor ihrer Renaissance: Schon bald sollen wieder Menschen auf dem Mond stehen, auch der Mars rückt ins Visier – und mit ihm die Idee dauerhafter Kolonien im Weltraum. Aber mal ehrlich: Sind wir bereit, mit dem Weltraum verantwortungsvoller umzugehen als mit der Erde? Ein Gespräch über Ethik, Gesellschaft und Nachhaltigkeit im All mit der Astrophysikerin Dr. Erika Nesvold.

TEXT DAVID LÜTKE

Vier Menschen sind heute Morgen in einer Mars-Basis aufgewacht. Ihr Habitat ist 157 Quadratmeter groß und besteht aus 3D-gedruckten Wänden aus roter Erde. Nach draußen geht es nur in Raumanzügen, in roten Staub und bei etwa einem Drittel der Erdanziehungskraft.

Anca Selariu, Nathan Jones, Kelly Haston und Ross Brockwell sind die Besatzung von Mars Dune Alpha. Das frische Gemüse auf ihrem Speiseplan müssen sie in der Basis selbst anbauen. Das Team wird 378 Tage lang auf engstem Raum zusammenleben. Die Isolation, die Monotonie und die 20-minütige Verzögerung bei der Kommunikation mit der Außenwelt sind echt. Die Marslandschaft, die sie außerhalb ihrer Behausung sehen, ist nur auf großflächige Planen gedruckt. Denn ihr Habitat befindet sich nicht auf der Oberfläche des Roten Planeten, sondern in Houston, Texas. Seit Ende Juni 2023 ist die Test-Marsbasis auf dem Gelände des Johnson Space Centers der US-Raumfahrtbehörde NASA in Betrieb. Im Rahmen der CHAPEA-Mission – Crew Health and Performance Exploration Analog – absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Art Trockenübung in Sachen Gesundheit und menschlicher Leistungsfähigkeit.

Die aktuelle CHAPEA-Mission ist nur die erste von drei geplanten Testmissionen. Mit ihnen sollen wichtige Erkenntnisse für einen alten Traum der NASA gewonnen werden: den ersten menschlichen Fußabdruck auf dem Mars. Dieser ist zwar noch mindestens ein Jahrzehnt entfernt, in der Zwischenzeit aber sollen möglichst viele Daten gesammelt werden: Was bedeutet es für Menschen, lange auf engem Raum zusammenzuleben und zu arbeiten? Noch dazu unter den ungewöhnlichen, gefährlichen Umständen, die ein menschlicher Außenposten im Weltraum, durchschnittlich 225 Millionen Kilometer von der Heimat entfernt, mit sich bringt?

Expertinnen und Experten überwachen den Gesundheitszustand und die Leistungsziele der Besatzung und bewerten psychische Auswirkungen, während die Besatzung alltägliche Aufgaben ausführt – von der Körperhygiene bis zum Stations-Putzplan, vom Anbau von Nutzpflanzen bis hin zur Bedienung von Robotern und simulierten Weltraumspaziergängen. Temporär begrenzte Ressourcen und technische Störungen sorgen auf dem Schein-Mars für zusätzlichen Stress. Die Geschichte klingt bereits spannend, noch bevor jemand tatsächlich unseren Planeten verlassen hat.

„Ich interessiere mich sehr für diese und andere analoge Missionen der letzten Jahrzehnte.“

Erika Nesvold

Neugierig auf die Ergebnisse der Mission ist auch Dr. Erika Nesvold. Die Astrophysikerin beschäftigt sich schon länger mit den menschlichen Aspekten eines langfristigen Lebens im Weltraum – und betrachtet Tests wie diesen vor allem unter psychologischen Gesichtspunkten. „Ich interessiere mich sehr für diese und ähnliche analoge Missionen der vergangenen Jahrzehnte“, sagt Nesvold, „und dafür, wie Menschen tatsächlich miteinander auskommen und gemeinsam Entscheidungen treffen können.“

In ihrem Buch „Off-Earth“ (2023, The MIT Press) beschreibt Nesvold ein Szenario mit dauerhaften Ansiedelungen im Weltraum, irgendwann in der Zukunft. Abgesehen von logistischen und technischen Fragen beschäftigt sie sich vor allem mit ethischen Fragen, die uns ins All begleiten werden.

„Menschen, die längerfristig im Weltraum arbeiten, müssen sich auf ein gesundes soziales Umfeld verlassen können“, so Nesvold. Die ständige Gefahr und die Isolation im Arbeitsumfeld Weltraum hätten große Auswirkungen auf die Psyche – und sie könnten Arbeitnehmer auch gefährdeter für Ausbeutung machen. Eine überraschende Folgerung der Wissenschaftlerin: „Das würde dann sicher auch arbeitsrechtliche Fragen aufwerfen.“

Arbeit, das steht fest, gäbe es genug für die ersten Siedlerinnen und Siedler auf dem Mars. Die dringendsten lebenswichtigen Maßnahmen bei einer echten Marsmission wären die Errichtung einer provisorischen Unterkunft, der Schutz vor den Elementen, die Energieversorgung durch Solarzellen und die Wassergewinnung.

Eine Mars-Unterkunft würde wahrscheinlich in und mithilfe der roten Erde auf der Planetenoberfläche gebaut werden. Die Wände der CHAPEA-Unterkunft wurden von einem riesigen 3D-Drucker erzeugt. Die lehmartige Substanz erinnert an Regolith, die lockere oberste Erdschicht auf dem Mars. Ohne die Nutzung dieser „In-situ-Ressourcen“ wäre eine Besiedelung undenkbar. Erika Nesvold erklärt. „Jedes Kilogramm Masse, das man von der Erde katapultieren muss, kostet viel mehr, als wenn man das gleiche Kilogramm im Weltraum findet.“ Das könnte sowohl den Bau von Unterkünften oder Strahlungsschirmen als auch Lebensmittel oder Wasser betreffen. „Das lässt eine weitere große Frage offen: Dürfen wir uns die Ressourcen des Weltraums einfach aneignen?“

Nesvold weist hier auf ein Problem hin, das erst in den vergangenen Jahren ins Bewusstsein gerückt ist: „Während der Apollo-Missionen in den späten 1960er Jahren wurde aus praktischen Gründen viel Ausrüstung und Abfall auf der Mondoberfläche zurückgelassen“, erklärt sie. Die verschiedenen Landestellen auf dem Mond sind tatsächlich von menschlichen Artefakten übersät: Landefähren, Antennen und Fahrzeuge, Flaggen, Erinnerungsstücke, Fotos, Golfbälle und Beutel mit Exkrementen, wie Nesvold hinzufügt. Wenn wir also die Menschheit in den Weltraum exportieren, exportieren wir unsere Probleme gleich mit?

Erika Nesvold sagt, es falle ihr schwer, der Öffentlichkeit das Problem von Müll im Weltraum zu erklären. „Wenn die Menschen an Umweltschutz denken, sehen sie Regenwälder oder Korallenriffe – und nicht buchstäblich leeren Raum“, sagt sie.

Obwohl es sich immer noch um Einwegmaterialien handelt, könnte ein mit In-Situ-Ressourcen 3D-gedrucktes Habitat zumindest das richtige Signal aussenden: Der Mensch fügt sich in die Landschaft ein und schafft etwas, das eines Tages zu einer eigenständigen Marsarchitektur und möglicherweise -kultur werden könnte. „Der Mensch ist sehr gut darin, sich kulturell an seine Umgebung anzupassen“, sagt Nesvold. „Es macht Spaß, über diese Fragen nachzudenken: Wie wird sich unser Essen verändern? Wie werden sich Sport oder Tanzen in der Schwerelosigkeit verändern?“

„Wenn die Menschen an Umweltschutz denken, sehen sie Regenwälder oder Korallenriffe - und nicht buchstäblich leeren Raum.“

Erika Nesvold

Die CHAPEA-Mission der NASA ist der Auftakt zur nächsten heißen Phase der Raumfahrt. Der Mars ist jedoch nicht das einzige Ziel auf der Agenda. Mit Artemis will die NASA zum ersten Mal seit 1972 wieder zum Mond zu fliegen. Abgesehen von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zielen wartet dort im blassen Staub noch mehr Geschichte darauf, geschrieben zu werden: Der erste schwarze Mensch, die erste Frau – und ja, der erste Kanadier – könnten schon 2025 den Mond betreten.

Eine Chance, betont Nesvold, sowohl Gleichberechtigung als auch Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. „Wir müssen bewusst über die Beziehung nachdenken, die wir mit dem Weltall haben wollen. Sonst werden wir Strukturen und Denkweisen wiederholen, die in der unserer Geschichte auf der Erde zu viel Schaden geführt haben“, sagt sie. „Dies ist eine gute Gelegenheit, Gespräche darüber zu führen, welche Art von Zukunft wir für unsere Nachkommen auf der Erde und im Weltraum anstreben.“

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