WAS WÄRE, WENN ...?

—— Nur wer die Konsequenzen seines Handelns kennt, kann es lenken. Wir haben uns vier wichtige Trends genauer angeschaut – und mögliche Szenarien durchgespielt.

TEXT THOMAS SCHMELZER

… es nur noch Onlineshopping gäbe?

Vor allem die digitale Bestell- und Lieferinfrastruktur würde sich verbessern. Apps würden genauer anzeigen, wann das neue Paar Schuhe ankommt, es gäbe mehr und flexi­blere Abholmöglichkeiten. In den USA können sich Kunden schon heute Bestellungen in den Kofferraum ihres Privatfahrzeugs liefern lassen. Künftig könnten Lieferdienste mit digitalen Schlüsseln auch Zutritt zu Häusern oder Wohnungen bekommen.

Experten gehen davon aus, dass Geschäfte weitgehend aus den Innenstädten verschwinden werden, besonders in kleinen Städten. Für die meisten Menschen ein kaum vorstellbares Horrorszenario, das  allerdings  auch positive Folgen haben könnte: Neuer Wohnraum könnte entstehen, aber auch Räume mit neuen Aufenthaltskonzepten und hoher Freizeitqualität. Das Handwerk könnte ebenfalls in die Innenstädte zurückwandern. Mit sinkenden Ladenmieten könnten auch kleine Manufakturen wieder wettbewerbsfähig produzieren. Vollkommen verschwinden werden klassische Geschäfte aber wohl nicht. Onlinehändler wie Zalando eröffnen inzwischen Läden in der analogen Welt, um besser analysieren zu können, was ihre Kunden wünschen und welche Kleidung ihnen passt. Auch Läden, die auf Einkaufen als Erlebnis und lokale Kundenbindung setzen, könnten überleben. Welche Folgen eine vollständige Umstellung auf den Onlinehandel für das Klima hätte, ist umstritten.

Anders als vielfach angenommen, könnte die Umwelt unter bestimmten Bedingungen sogar profitieren. Manche Berechnungen veranschlagen für einen Paketversand inklusive Retoure nur die Hälfte der Treibhausgasemissionen einer sechs Kilometer langen, durchschnittlichen Einkaufsfahrt mit dem Auto. Das wäre besonders für ländliche Regionen von Vorteil. Zudem müssten Verkaufsflächen nicht mehr beheizt und beleuchtet werden. Solange retournierte Waren aber weiter durch halb Europa geschickt werden, um in Polen oder Tschechien wieder aufbereitet zu werden, bleibt eine bessere ­Klimabilanz durch Onlinehandel Zukunftsmusik.

Bild einer blauen Papp-Erdkugel, die mit Blüten beklebt ist

… niemand mehr Fleisch essen würde?

Die Klimabelastung ginge erheblich zurück. Laut einer Studie der Universität Oxford würde eine fleischlose Ernährung 60 Prozent weniger Emissionen verursachen. Schon ein durschnittlicher Vierpersonenhaushalt in den USA produziert durch seinen Fleischkonsum mehr Treibhausgase als die beiden Autos, die er fährt. Ohne Fleischkonsum würde außerdem sehr viel Fläche frei: nach einer Studie der Niederländischen Umweltprüfungsagentur rund 2,7 Milliarden Hektar Weideland und etwa 100 Millionen Hektar Felder, auf denen derzeit Futterpflanzen wachsen. Zusammengenommen entspricht das ungefähr der Größe Afrikas.

Vertreter der Fleischwirtschaft warnen allerdings vor den wirtschaftlichen Folgen eines fleischlosen Lebens: Die Nutztierhaltung erwirtschaftet 1,4 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Laut Andrew Jarvis vom Internationalen Zentrum für Tropische Agrarforschung in Kolumbien hätte Vegetarismus in entwickelten Ländern zwar „eine Menge positiver Umwelt- und Gesundheitsfolgen“, in den Entwicklungsländern würde er die Armut jedoch verschlimmern. Dort trägt die Nutztierhaltung wesentlich zum Einkommen bei. Wenn die Preise für Land und Getreide fielen, hätten Landwirte weltweit Schwierigkeiten, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Allein in Deutschland, wo fast zwei Drittel der landwirtschaftlichen Erlöse aus der Produktion von Milch und Fleisch stammen, wären massive Jobverluste und Umsatzeinbußen wahrscheinlich. Dass es so weit kommt, ist unwahrscheinlich, denn der globale Fleischverbrauch steigt laut den Vereinten Nationen stetig an: von durchschnittlich 23,1 Kilogramm pro Person im Jahr 1961 auf vermutlich über 45 Kilogramm bis 2030.

Grüne Stadtsilluette aus Pappe vor rosa Hintergund.

… alle Fahrzeuge mit Elektrizität führen?

„Wir könnten im Straßenverkehr weitgehend auf Erdöl verzichten, was sich sehr positiv auf unsere Klimabilanz auswirken würde. Ressourcen, die für den Bau der Batterien benötigt werden, wie Nickel, Lithium und Kobalt hätten wir jedenfalls für die nächsten 20 bis 30 Jahre genug.

Und während dieser Zeit müssten wir ohnehin zur Kreislaufwirtschaft übergehen und Rohstoffe mithilfe von Recycling gewinnen. Wenn nur noch elektrisch angetriebene Fahrzeuge unterwegs wären, bräuchten wir für jedes einen Ladepunkt und ausreichend Schnellladestationen. Das bleibt eine Herausforderung. Netzseitig müssen wir auf den verstärkten Bedarf reagieren, allerdings werden Netze zumindest in Deutschland ohnehin ausgebaut, weil klimafreundliche Wärmepumpen Gas- und Ölheizungen ersetzen werden. Elektrofahrzeuge können zudem das Netz unterstützen und bilden einen großen virtuellen Speicher. Zwar sind die Auslastungen der Ladeinfrastrukturen zu Spitzen wie Urlaubszeiten noch eine Herausforderung, theoretisch wäre es aber schon in den nächsten 20 Jahren möglich, den gesamten weltweiten Verkehr mit batterieelektrischem Antrieb und Brennstoffzellen zu elektrifizieren.

Auch Strom wäre für ein solches Szenario ausreichend vorhanden, zumal der zusätzliche Strombedarf beispielsweise in Deutschland nur etwa 15 bis 20 Prozent betragen würde. In Ländern wie Indien sogar nur 5 Prozent. Bei einigermaßen freien Märkten werden sich erneuerbare Energien flächendeckend als günstigste Option durchsetzen. Die größte Blockade sind derzeit nicht die Kosten, sondern die Blockaden in den Köpfen.“


Volker Blandow, Head of E-Mobility bei TÜV SÜD

Weißer Plastikkopf, der mit Blüten beklebt ist vor rosa Hintergund.

… wir zu Cyborgs würden?

Nicht nur der Bestsellerautor und Zukunftsforscher Yuval Noah Harari glaubt, dass Implantate und Prothesen schon bald Körperbehinderungen heilen werden. Auch Ralf Gansel, Produktspezialist für aktive Implantate bei TÜV SÜD, glaubt, dass wir uns über kurz oder lang zu Cyborgs entwickeln werden.

„Nicht wie Hollywood mit dem Terminator, sondern im positiven Sinne.“

Ralf Gansel

Schon jetzt ermöglichen Cochlea-Implantate, die den Hörnerv elektrisch stimulieren, manchen tauben Menschen, wieder zu hören. Ein weiteres Verfahren, die Tiefe Hirnstimulation, bewirkt Linderung beim Parkinsonsyndrom und bei Zwangsstörungen. Bei Parkinson geben Elektroden, die Patienten bei vollem Bewusstsein ins Gehirn implantiert werden, elektrische Impulse an Hirnareale ab, die die Bewegung von Muskeln steuern. „Das Verfahren kann aber auch für die Suchtprävention eingesetzt werden“, sagt Gansel. Forscher arbeiten zudem an Technologien, die nicht nur Organe überprüfen, sondern automatisch Insulin in den Körper von Diabetikern pumpen.

Doch nicht nur bei Krankheiten, auch im Alltag kommen Implantate schon zum Einsatz. Die Firma Digiwell – Upgraded Humans verdient ihr Geld damit, Menschen reiskorngroße Mikrochips unter die Haut zu spritzen. Damit lassen sich mit nur einer Handbewegung Türen und Pforten öffnen. So auch beim Reiseanbieter Tuifly Nordic in Schweden. Dort entsperren Mitarbeiter mit solchen Microchips ihre Spinde oder aktivieren Drucker. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir künftig auch Miniversionen unserer Handys unter der Haut tragen“, so Gansel. Damit solche Technologien gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, müsse aber Sicherheit an erster Stelle stehen, glaubt Gansel. Nicht auszudenken, was passieren könnte, würde statt dem Computer künftig die ins Hirn gepflanzte Software gehackt.

FOTOS:

Stocksy/Marc Tran (Einkaufswagen, Weltkugel); Stocksy/Yaroslav Danylchenko (Häuser); Stocksy/Ruth Black (Kopf)

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