SUCHE NACH AUSSERIRDISCHEM LEBEN: IST DA WER?

—— Grüne Männchen, wabernde Gestalten, ovale Gesichtszüge: Seit Jahrzehnten elektrisiert Menschen die Vorstellung von intelligentem Leben im All. Wir haben uns mit drei führenden Forschern auf die Suche gemacht – und ein paar unbequeme Antworten gefunden.

Porträt des Forschers in bläulichem Licht. Er blickt links aus dem Bild.

TEXT JULIUS SCHOPHOFF
FOTO NIKITA TERYOSHIN

Wenn Dieter B. Herrmann nachts von seinem Schreibtisch aufsteht, vor die Tür seiner Wohnung in der Archenhold-Sternwarte in Berlin tritt und zum Himmel blickt, wird ihm jedes Mal klar, wie wenig wir Menschen über das Universum wissen. 100 Trilliarden Sterne soll es im All geben, und wahrscheinlich genauso viele Planeten. 100 Trilliarden, das ist eine Zahl mit 23 Nullen. „Entdeckt haben wir von diesen Planeten bislang aber nur 4.281“, sagt Herrmann. Und das fast ausschließlich mit indirekten Messungen. „Wirklich gesehen haben wir außerhalb unseres Sonnensystems nur drei oder vier.“

Herrmann war zwölf, als er in der Schulbibliothek sein erstes Buch über das Weltall aufschlug. Es war das Jahr 1951. Niemand wusste, ob es je ein Mensch auf den Mond schaffen würde, nicht wenige glaubten an Marsmenschen. Herrmann hielt das für Science-Fiction, und Science-Fiction war nie seine Welt. „Ich hatte immer das Gefühl, das ist Spinnerei.“ Heute ist er sich da nicht mehr so sicher. 

„Es wäre paradox zu denken, dass wir die große Ausnahme sind und es nur hier intelligentes Leben gibt.“

Dieter B. Herrmann

An einem Spätsommertag sitzt der 81-Jährige in der Bibliothek der Sternwarte im Treptower Park und spricht darüber, ob es dort draußen irgendwo intelligentes Leben geben könnte. Fast 30 Jahre leitete er die Forschungsstation, aus deren Zentrum das längste bewegliche Linsenfernrohr der Welt Richtung Universum ragt. Heute lebt der pensionierte Direktor in einer Wohnung im hinteren Teil des Gebäudes. „Sternenprofessor“ hat ihn die Presse genannt, weil er lange die Wissenschaftssendung „AHA“ im DDR-Fernsehen moderierte. Die Internationale Astronomische Union taufte ihm zu Ehren den Kleinplaneten 2000 AC204 auf seinen Namen. Er schreibt gerade an seinem 47. Buch und hält noch immer 40 bis 50 Vorträge im Jahr: über Sternenbilder und Astrophysik, über den Urknall und Dunkle Materie, über Weiße Zwerge und Rote Riesen. Und über die Frage, ob wir allein sind im All.

Modell eines Teleskops das an Fäden hängt.
Ein grüner, aufblasbarer Alien vor einem Sternen-Hintergrund.
STERNENSCHAUER Dieter B. Herrmann hat sein Leben lang ins All geblickt. Intelligentes Leben nur auf der Erde? Eine paradoxe Vorstellung, sagt er.

UND? WAS GLAUBEN SIE, HERR HERRMANN: IST DA WER?

„Glauben gehört in die Kirche“, sagt er. „Aber wenn Sie mich so fragen: Wir haben Hunderte Milliarden Sonnen in der Milchstraße, und es gibt Hunderte Milliarden solcher Galaxien – da wäre es paradox zu denken, dass wir die große Ausnahme sind und es nur hier intelligentes Leben gibt.“

Als Wissenschaftler weiß Herrmann, dass nur das als wahr gilt, was bewiesen worden ist. Und einen Beweis für außerirdisches Leben gibt es bis heute nicht. Nach der Rare-Earth-Hypothese ist es sogar ziemlich unwahrscheinlich, dass außerhalb der Erde komplexes Leben entstanden ist. Die für komplexes Leben so günstige Beschaffenheit und Lage unseres Planeten im Universum seien im Weltraum sehr selten. Gerade wegen solcher Überlegungen aber fasziniert ihn das Nachdenken über die Frage nach intelligentem Leben im All. Eine Frage, die die Menschheit seit Jahrhunderten bewegt und auf die es trotz aller Forschung noch immer keine befriedigende Antwort gibt.

Umfragen zufolge glaubt die Hälfte der Deutschen an intelligentes Leben im All. Als der Radiosender CBS im Jahr 1938 das Hörspiel „Der Krieg der Welten“ von Orson Welles sendete, hielten es einige Hörer für die Live-Berichterstattung einer Invasion vom Mars. Künstler, Musiker und Hollywood arbeiten sich seit Jahrzehnten an der Thematik ab. Es gibt Menschen, die befürchten, die Ankunft der Aliens werde die Menschheit auslöschen. Andere erhoffen sich Erlösung von fremden Wesen aus dem All. 

Wer sich der Frage nüchterner nähern möchte, kann mit Wissenschaftlern wie Dieter B. Herrmann sprechen. Als Astronom und Physiker erforscht er Planeten, Sterne und Galaxien. 

Andere Forscher wollen herausfinden, unter welchen Bedingungen Leben überhaupt entstehen kann, und entwerfen Szenarien, wie eine Begegnung mit fremder Intelligenz aussehen könnte. Es sind Wissenschaftler wie der Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch oder der Exosoziologe Michael Schetsche, mit denen Herrmann solche Fragen im Forschungsnetzwerk Extraterrestrische Intelligenz diskutiert – und zu erstaunlichen, aber auch erschreckenden Ausblicken gelangt. 

„Im Grunde haben die Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte kaum etwas gebracht“, bilanziert Herrmann. Weil optische Teleskope schnell an physikalische Grenzen stoßen, wurde stattdessen mit Radioteleskopen gesucht. In den USA fahnden Forscher des Projekts SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) seit 1960 nach künstlichen Radiowellen aus dem All. Falls es eine technisch entwickelte Zivilisation gibt, so die These der Forscher, müsste sie auch über die Radiotechnologie verfügen. An manchen Orten entstanden gigantische Forschungsstationen, das Arecibo-Observatorium in Puerto Rico misst 305 Meter im Durchschnitt. Im Projekt SETI@Home stellten Millionen Menschen ihre Privatcomputer zur Verfügung, um dabei zu helfen, die astronomischen Datenberge auswerten zu können. Am 31. März 2020 wurde es nach fast 21 Jahren eingestellt – ohne Ergebnis.

Bild eines wolkenverhangenen Abendhimmels. Am unteren Bildrand sind Häuser zu sehen.

ABER BEDEUTET ES, DASS DA DRAUSSEN NIEMAND IST?

„Wir wissen ja nicht mal, ob die Suche nach Radiosignalen überhaupt die richtige Strategie ist“, sagt Herrmann. Vielleicht verfügten fremde Intelligenzformen über völlig andere Technologien, die sich bei uns noch nicht mal am Horizont abzeichneten. „Das ist, als ob Sie ein Radioteleskop aufstellen und die andere Seite versucht, mit Buschtrommeln auf sich aufmerksam zu machen.“

Die frühere SETI-Direktorin Jill Tarter beschrieb das Dilemma der Suche einmal so: Auf Basis der bisherigen Untersuchungen zu behaupten, es gäbe keine Außerirdischen, sei, als würde man ein Glas Wasser aus einem Ozean schöpfen, keinen Fisch darin finden und daraus schließen, dass es im Meer keine Fische gibt.

Bläuliches Porträt des Forschers. Er blickt in die Kamera. Von links wird er mit rotem Licht beleuchtet.

„Das Leben ist unheimlich resistent.“

Dirk Schulze-Makuch

Vielleicht braucht es also ganz andere Ansätze. So wie den von Dirk Schulze-Makuch. An der Technischen Universität Berlin untersucht der Professor für Astrobiologie und Planetare Habitabilität Orte, deren lebensfeindliche Bedingungen denen auf dem Mars am nächsten kommen: die schneefreien Hochtäler in der Antarktis oder die trockene Atacama-Wüste in Chile. Tiere oder Pflanzen gibt es dort kaum, dafür eine Vielzahl von Mikroben. Schulze-Makuch ist immer wieder verblüfft, welchen Bedingungen diese Kleinstorganismen trotzen. „Das Leben“, sagt er, „ist unheimlich resistent.“

Der Mars ist für Schulze-Makuch dabei bei Weitem nicht das einzige mögliche Habitat für Leben in unserem Sonnensystem. Es gibt zum Beispiel den Saturnmond Titan, den Seen aus flüssigem Methan und Ethan bedecken und dessen Atmosphäre dichter ist als die der Erde. Oder den Eismond Enceladus, ebenfalls ein Trabant des Saturn, aus dem an einigen Stellen riesige Wasserfontänen schießen wie kosmische Geysire. Lange hielt man es für ausgeschlossen, dass unter solchen Bedingungen Leben entstehen kann. Doch seit man in der Tiefsee merkwürdige Krabben, Würmer, Muscheln und Seesterne entdeckte, die ihre Energie nicht von der Sonne beziehen, sondern von den warmen Gasen und Mineralien der Erdkruste, glauben einige Forscher, dort unten liege der Ursprung des Lebens. Schulze-Makuch hält es für möglich, dass es auf dem Eismond Europa ein ähnliches Ökosystem gibt wie an den hydrothermalen Quellen der Tiefsee, mit Lebewesen auf der Entwicklungsstufe von Krabben und Röhrenwürmern. Natürlich bauen Röhrenwürmer keine Raumschiffe – aber die Möglichkeit, dass in unserem Sonnensystem, also praktisch vor unserer Haustür, relativ hochentwickelte Organismen leben könnten, verdeutlicht, wie größenwahnsinnig der Gedanke von der Erde als einziger kosmischer Ausnahme ist.

Eine Schwäche der Astrobiologie, gibt Schulze-Makuch zu, sei, dass sie immer von der Erde ausgehe, vom Leben, wie wir es kennen. Die Biologie im All aber könnte auch eine ganz andere sein: Vielleicht entsteht Leben woanders auf Siliziumbasis; vielleicht funktioniert auch Methanol statt Wasser als Ursuppe; vielleicht, so die Idee eines Kollegen von Schulze-Makuch, könnten Erbinformationen durch Magnete statt durch DNS weitergegeben werden. Aber möglicherweise ist das, was da draußen vor sich geht, auch „völlig out of the box“, wie Schulze-Makuch sagt. So unvorstellbar, dass es paradox wäre, überhaupt eine Idee davon zu haben.

Ein Globus auf einem unordentlichen Schreibtisch mit vielen Blättern.
Modell eines kleinen UFOs wird von einer Hand gehalten.
PLANETENPRÜFER Dirk Schulze-Makuch untersucht, welche Voraussetzungen es für die Entstehung von Leben braucht. Erstaunlich wenige, sagt er.

Michael Schetsche nennt dieses Unvorstellbare das „maximal Fremde“. Der Freiburger Soziologieprofessor hat mit seinem Kollegen Andreas Anton eine neue Disziplin begründet: die Exosoziologie. Die Wissenschaftler untersuchen, was es mit unserer Gesellschaft anstellen würde, wenn wir wirklich in Kontakt mit diesem Fremden kämen – und haben dabei drei Szenarien erarbeitet: ein harmloses und zwei mit gravierenderen Konsequenzen. 

In Szenario 1 empfängt die Menschheit ein Signal. Es ist das harmlose Gedankenspiel. Wahrscheinlich kämen die Signale von so weit her, dass uns die Absender nie besuchen könnten, wahrscheinlich existierten sie längst nicht mehr. „Das wäre ein sensationeller Fund“, sagt Schetsche. „Er würde unser Weltbild ändern, weil wir den Beweis hätten, dass wir nicht allein sind – aber wir bräuchten uns nicht wirklich Sorgen zu machen.“ 

Im zweiten Szenario finden wir das Artefakt einer außerirdischen Expedition: eine Sonde oder Station, vielleicht auch nur deren Abfall. Wir wüssten ab diesem Moment, dass es eine technisch hoch entwickelte Zivilisation gibt, die interstellare Raumfahrt beherrscht – und die irgendwann einmal hier war. „Das würde zu einer allgemeinen Verunsicherung führen“, sagt Schetsche. „Wir müssten uns fragen: Wer sind sie? Was wollen sie? Und: Kommen sie wieder?“ So ein Fund wäre auch deshalb riskant, weil darin wertvolle technische Informationen steckten und ein Wettrennen zwischen Nationen und multinationalen Konzernen ausbrechen würde, wer das Artefakt bergen dürfe. In keinem Fall, sagt Schetsche, sollte so ein Fund auf die Erde gebracht werden. „Wenn Sie mit dem Antrieb einer Sonde für die interstellare Raumfahrt herumexperimentieren, können Sie schnell mal einen ganzen Kontinent zerstören.“

Michael Schetsche mit seinem Buch “Die Gesellschaft der Außerirdischen” in der Hand

„Er würde unser Weltbild ändern, weil wir den Beweis hätten, dass wir nicht allein sind.“

Michael Schetsche

Die größten Erschütterungen aber verursacht Szenario 3: die tatsächliche Begegnung. Wenn ein Flugkörper in unser Sonnensystem eintritt, der von einer außerirdischen Intelligenz gesteuert wird, könnte das Massenpaniken, Börsencrashs und religiöse Verwerfungen auslösen. Die Angst wäre dabei gar nicht so irrational. Man müsse sich nur die Historie asymmetrischer Kulturkontakte auf der Erde ansehen, sagt Schetsche: „Wenn eine Zivilisation eine andere auf ihrem Territorium besucht, geht es für die Entdeckten meistens schlecht aus.“

Der Soziologe ist deshalb strikt dagegen, den Spieß umzudrehen und selbst zielgerichtete Radiosignale in den Weltraum zu senden, wie es einige Mitglieder der SETI-Gemeinde in dem Programm METI tun. Außerirdische Zivilisationen könnten ein völlig anderes Verhältnis zum Leben und Sterben haben, warnt Schetsche. Er denke da nicht an Marsmenschen oder irgendwelche Tentakelwesen – viel wahrscheinlicher sei es, dass wir es mit „postbiologischen Sekundärzivilisationen“ zu tun bekommen könnten: mit Maschinen, die einst von biologischen Wesen erbaut wurden, aber ihre Erschaffer und deren Sterblichkeit längst hinter sich gelassen haben – wodurch sie die riesigen interstellaren Distanzen überwinden können. Schetsche glaubt, dass wir, wenn es wirklich zum Kontakt kommt, überrascht sein werden, wie fremdartig die Außerirdischen sind. „Das könnte eine künstliche Intelligenz auf zellulärer Ebene sein, eine Art Biocomputer. Und vielleicht wird es für uns gar nicht so einfach zu unterscheiden: Ist die Zivilisation primär, sekundär – oder sogar tertiär?“

Mensch hält leuchtend rote Kugel vor Sternenhintergrund
Ein rotbeleuchteter Flur mit vielen Türen. Eine Tür ist geöffnet, in ihr steht Michael Schetsche. Das Büro hinter der Tür leuchtet hell.
FREMDENFORSCHER Michael Schetsche erforscht, wie der Kontakt mit Außerirdischen ablaufen könnte. In seinen Szenarien geht es nicht immer gut für die Menschheit aus.

Tertiärzivilisationen? Künstliche Intelligenz, erschaffen von künstlicher Intelligenz? Unsterbliche Biocomputer auf der Reise durchs All? Klingt ein bisschen nach „Spinnerei“, wie der zwölfjährige Dieter B. Herrmann gesagt hätte. Allerdings sagt Herrmann am Ende des Gesprächs in der Sternwarte auch: Die Science-Fiction-Autoren hätten in den letzten 70 Jahren erstaunlich oft näher an der Wahrheit gelegen als die Forscher. „Und die Geschichte der Wissenschaft zeigt doch, dass die Welt vielfältiger ist als wir uns jemals haben träumen lassen.“

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