Das Zukunftsmagazin von TÜV SÜD

WO DIE ZUKUNFT SCHON ROLLT

—— Autonomes Fahren boomt – doch rechtliche Vorgaben und Praxiseinsatz variieren weltweit stark. Wo stehen die globalen Player aktuell?

TEXT STEFAN LEMLE

Japan: Autonom durch den ländlichen Raum

Japan betrachtet autonomes Fahren als Schlüssel zur Bewältigung des demografischen Wandels und der alternden Bevölkerung, insbesondere im öffentlichen Verkehr und urbanen Raum. Hochautomatisierte Level-4-Shuttles, die fahrerlos im öffentlichen oder halböffentlichen Verkehr unterwegs sind, bilden einen wichtigen Baustein aktueller Mobilitätsprojekte – vor allem für ländliche Regionen.Im Fokus steht dabei die Mobilität von Senioren. TÜV SÜD spielt als unabhängiger Prüfer, Entwickler von Sicherheitsstandards und Partner für die Zulassung eine zentrale Rolle. So wurde ein Bewertungssystem für Bremssituationen entwickelt. Aktuell testen verschiedene Unternehmen in Japan innovative, mobile Unterkunftskonzepte, etwa autonom fahrende Hotelzimmer, sogenannte „Auto Ryokans“. Gäste können in den komfortabel ausgestatteten Zimmern übernachten und gleichzeitig unterschiedliche Orte anfahren. Projekte dieser Art befinden sich jedoch noch in der Erprobungsphase und sind nicht weit verbreitet.

Nissan demonstriert bereits fahrende Prototypen auf Japans Straßen. Sie sind mit Kameras, Radar- und LIDAR-Sensoren ausgestattet. Das Angebot soll 2027 marktreif sein.

NIEDERLANDE: VORREITER DANK BESTER BEDINGUNGEN

Die Niederlande zählen international zu den führenden Ländern beim autonomen Fahren. Dank einer innovationsfreundlichen Gesetzgebung, einer hervorragend ausgebauten Infrastruktur und einer hohen Akzeptanz neuer Mobilitätskonzepte in der Bevölkerung rangiert das Land im internationalen Vergleich seit Jahren an der Spitze. Noch im Jahr 2025 soll das Tesla-Programm FSD (Full Self Driving) seinen Premieren-Rollout in den Niederlanden feiern – ein Meilenstein für den Alltagseinsatz hochautomatisierter Fahrfunktionen in Europa. Nach Kritik, dass die Fahrassistenzsoftware eine nicht zutreffende Selbstständigkeit suggeriere, muss das System den Zusatz „unter Aufsicht“ im Namen tragen. Während Level-2-Systeme bereits Standard sind, stehen Level-3- und Level-4-Anwendungen kurz vor dem Durchbruch in den regulären Betrieb.

Mit seinem Programm Full Self Driving will Tesla in den Niederlanden Premiere feiern – und um den europäischen Markt kämpfen.

DEUTSCHLAND: PIONIER MIT HYBRIDEN TESTMETHODEN

Die Bundesrepublik ist europaweit führend bei der Gesetzgebung: In den Jahren 2021 und 2022 wurden Gesetze verabschiedet, die den Betrieb von Fahrzeugen mit vollautomatisierten Fahrfunktionen (Level 4) im öffentlichen Straßenverkehr ermöglichen. Der Betrieb ist jedoch auf behördlich genehmigte Strecken beschränkt. Ein Sicherheitsfahrer im Fahrzeug ist nicht mehr vorgeschrieben, allerdings muss eine technische Aufsicht vorhanden sein, die das Fahrzeug im Notfall fernsteuern kann.Im Alltag kommen vor allem Level-2- und Level-3-Systeme zum Einsatz, wie etwa Mercedes Drive Pilot (bis 95 km/h auf bestimmten Autobahnabschnitten). Level-4-Fahrzeuge werden in Pilotprojekten und für Shuttles oder Lieferdienste in abgegrenzten Bereichen eingesetzt. Von 2016 bis 2019 lief das großangelegte PEGASUS-Projekt („Projekt zur Etablierung von generell akzeptierten Gütekriterien, Werkzeugen und Methoden sowie Szenarien und Situationen zur Freigabe hochautomatisierter Fahrfunktionen“). Ziel war es, Standards, Methoden und Werkzeuge für das Testen, Bewerten und die Zulassung hochautomatisierter Fahrfunktionen (insbesondere SAE Level 3 und 4) zu entwickeln und zu etablieren. TÜV SÜD war die einzige technische Prüforganisation unter den Projektpartnern und spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung und Validierung der Testmethoden und Sicherheitsstandards. Auch beim Projekt Atlas-L4 wirkte TÜV SÜD maßgeblich mit, um den sicheren Verkehr autonomer Trucks auf Level 4 über die Autobahn zu garantieren.

Mit Drive Pilot testet Mercedes-Benz ein hochautomatisiertes Fahrsystem auf Autonomielevel 3. Unter bestimmten Bedingungen ermöglicht es bereits bis zu 95 km/h in fließendem Verkehr.

USA: ROBOTAXIS FAHREN VORAUS

Die Vereinigten Staaten sind technologisch führend, doch die Gesetzgebung ist ein föderaler Flickenteppich. In 35 Bundesstaaten sind Tests mit autonomen Fahrzeugen erlaubt. Während in Texas autonome Fahrzeuge ohne spezielle Genehmigung fahren dürfen, verlangt Kalifornien strenge Zulassungsverfahren und umfangreiche Tests. Kalifornien und Arizona erlauben bereits fahrerlose Tests. In San Francisco, Los Angeles und Phoenix sind derzeit insgesamt rund 700 fahrerlose Robotaxis unterwegs, die pro Woche etwa 200.000 bezahlte Fahrten durchführen. Neben Personentransporten werden autonome Lieferroboter und Robo-Lkw kommerziell eingesetzt.

Das Unternehmen Waymo betreibt eine Flotte von Robotaxis in mehreren US-Metropolen. Das Projekt entstand aus dem selbstfahrenden Auto von Google.

China: Fortschritte dank staatlicher Kontrolle

China zählt mittlerweile zu den weltweit wichtigsten Nationen bei der Entwicklung und Erprobung autonomer Fahrfunktionen. Level-3-Systeme sind auf dem Weg in die breite Anwendung, Level-4-Fahrzeuge fahren bereits in ausgewählten Städten wie Shenzhen und Shanghai als Robotaxis ohne Sicherheitsfahrer. Die Regierung fördert die Technologie massiv und setzt auf zentrale Steuerung, Standardisierung und cloudbasierte Vernetzung. Durch die starke staatliche Förderung und zentralisierte Datenverarbeitung gelangen in China schnelle Entwicklungen autonomer Systeme, Teile dieser chinesischen Strategie zogen allerdings auch Kritik auf sich

Auch in China navigieren Robotaxis den quirligen Großstadtverkehr – ganz ohne Fahrer. Pony.ai bietet diesen Dienst an.

Singapur: Blaupause für urbane Mobilität

Autonome Taxis und Shuttlebusse sind dank fortschrittlicher Gesetzgebung bereits seit 2018 im öffentlichen Testbetrieb und werden zunehmend in den Alltag integriert. Das CETRAN (Centre of Excellence for Testing & Research of Autonomous Vehicles) ist das zentrale Test- und Forschungszentrum für autonome Fahrzeuge in Singapur. Es wurde 2017 von der Nanyang Technological University in Zusammenarbeit mit der Land Transport Authority und TÜV SÜD gegründet. TÜV SÜD bringt dabei vor allem Expertise in funktionaler Sicherheit, Prüftechnik und Zertifizierung ein.


CETRAN simuliert und bewertet gezielt komplexe Fußgängerbewegungen, um die Sicherheit autonomer Fahrzeuge zu gewährleisten. Die dabei eingesetzten Testverfahren und die Sensorik setzen internationale Maßstäbe für die Interaktion zwischen autonomen Fahrzeugen und unterschiedlichsten Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern.

Das Unternehmen Aptiv arbeitet gemeinsam mit Motional, einem Joint Venture mit Hyundai, an der Entwicklung und Vermarktung autonomer Fahrzeuge und Systeme.

Australien: Fokus auf Outback-Logistik

Australien hat bereits 2015 ein Gesetz verabschiedet, das das Testen autonomer Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr ermöglicht. Besonders im Outback, den dünn besiedelten Regionen, eröffnen sich dadurch neue Chancen für die Logistik. Roadtrains – extrem lange Lastzüge auf der Straße – sind ein vertrautes Bild. Autonome Roadtrains werden bereits erprobt, um die Effizienz und Sicherheit beim Transport über große Distanzen zu erhöhen.TÜV SÜD begleitet diese Tests und bewertet alle autonomen Lkw im Güterverkehr, insbesondere auf langen, wenig befahrenen Strecken. Ziel ist es, den sicheren und effizienten Einsatz autonomer Fahrzeuge auch unter extremen Bedingungen zu gewährleisten, z.B. bei Sandstürmen.

Sogenannte Roadtrains sind aus dem Überlandverkehr im australischen Outback gar nicht wegzudenken. Sie legen quer durch den Kontinent oft lange Strecken zurücken und verbinden so entlegene Orte.

AUTONOMIE-LEVEL

Die Fähigkeit von Fahrzeugen, sich autonom zu bewegen, wird in sechs Stufen unterschieden.

 

Level 0: Keine Automatisierung – Der Mensch fährt selbst und wird höchstens durch Warnsysteme unterstützt.


Level 1: Fahrerassistenz – Das Fahrzeug kann eine Aufgabe wie das Lenken oder Bremsen übernehmen.


Level 2: Teilautomatisierung – Das Fahrzeug kann gleichzeitig mehrere Fahraufgaben übernehmen.


Level 3: Bedingte Automatisierung – Das Fahrzeug kann in bestimmten Situationen die alleinige Kontrolle übernehmen, zum Beispiel in Stop-and-Go-Verkehr.


Level 4: Hochautomatisierung – Das Fahrzeug kann komplett selbstständig fahren, aber nur auf festgelegten Strecken oder in vorbestimmten Bereichen.


Level 5: Vollautomatisierung – Das Fahrzeug ist in jeder Situation autonom und benötigt kein Equipment für menschliche Steuerung. 

Fotos: Shutterstock/fanjianhua, Nissan Motor Corporation, Courtesy of Tesla, Inc., Mercedes-Benz, Waymo, Pony AI Inc., Aptiv, Mineral Resources

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