—— Auf der Autobahn entscheiden Sekundenbruchteile über Blechschaden oder Katastrophe. Ein realistisches Beispiel zeigt, wie das Zusammenspiel von Mensch und Sicherheitssystemen einen Auffahrunfall glimpflicher ausgehen lässt.
Aus der datenbasierten Unfallanalyse
Unfalldaten liefern wertvolle Erkenntnisse für Autohersteller, Versicherer und Verkehrsplaner. Sie zeigen, wann Assistenzsysteme versagen oder besonders effektiv sind. Matthias Kühn, Leiter Fahrzeugsicherheit im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), erklärt: „Fahrzeuge mit automatischen Sicherheitsfunktionen sind inzwischen so verbreitet, dass sie sich in den Unfallstatistiken bemerkbar machen.“ Studien wie die des US-amerikanischen Insurance Institute for Highway Safety (IIHS) zeigen: Auch wenn Unfälle nicht immer verhindert werden, mildern Sicherheitssysteme oft die Folgen. „Unfälle verlaufen glimpflicher – mit weniger Verletzungen und geringerem Sachschaden“, so Kühn. Aus den veränderten Unfallmustern lassen sich Rückschlüsse für die Weiterentwicklung der Systeme ziehen.
ABOUT TRUST hat mit Mattias Kühn ein häufiges und realistisches Unfallszenario durchgespielt: Ein Pkw ist mit rund 100 Stundenkilometern auf der Autobahn unterwegs. Der Pkw vor ihm bremst unerwartet auf 60 Stundenkilometer ab, weil er das Ende eines Staus erreicht hat. Es kommt zum Auffahrunfall. Matthias Kühn erläutert, wie die Sicherheitssysteme in den Sekundenbruchteilen vor, während und nach des Crashs die Unfallfolgen minimieren.
Die Pre-Crash-Phase
-2 Sekunden: Warnung an den Fahrer
Kamera- und Radarsysteme erkennen Verkehrszeichen, Fahrbahnmarkierungen und andere Fahrzeuge. Wird ein Stauende erkannt und der Fahrer reagiert nicht selbst, erfolgt spätestens eine Sekunde vor dem drohenden Crash eine dreifache Warnung: akustisch durch einen Warnton, optisch durch eine blinkende Anzeige im Display und haptisch durch einen Bremsruck. Das Ziel: Der Fahrer soll die kritische Situation selbst noch entschärfen und bremsen. Für das menschliche Reaktionsvermögen reicht diese Sekunde in der Regel aus, um die Kollision mit dem Vorderfahrzeug zu verhindern. Auch der automatische Notbremsassistent kann jetzt noch rechtzeitig eingreifen.
„Das System schärfer einzustellen und früher zu warnen, ist nicht unbedingt sinnvoll“, erklärt Matthias Kühn. „Dies könnte dazu führen, dass häufig unnötiger Alarm ausgelöst wird, woraufhin der Fahrer das Warnsignal entweder ignoriert oder es abschaltet, weil es ihn stört.“ Dennoch arbeiten Autohersteller an Möglichkeiten, um die automatische Warnung weiter zu verbessern. „Denkbar wäre es, über die Kamera, die den Fahrer beobachtet, wahrzunehmen, ob dieser reaktionsfähig oder abgelenkt ist. In letzterem Fall könnte die Warnung frühzeitiger erfolgen, um das Zeitfenster für die Unfallverhütung zu vergrößern.“
Ebenfalls in der Entwicklung befinden sich Notlenkfunktionen. „Sie kombinieren die Notbremsung mit einem automatischen Ausweichmanöver. Diese Technologie kann dazu beitragen, Gefahrensituationen auch dann noch aufzulösen, wenn eine reine Notbremsung den Crash nicht mehr verhindern kann.“
-0,5 Sekunden: Volle Bremsung
Reagiert der Fahrer nicht, greift der Notbremsassistent ein – mit maximaler Bremskraft. Im besten Fall wird der Unfall verhindert, zumindest jedoch wird so die Aufprallgeschwindigkeit reduziert.
Die Crashphase
- 0,1 Sekunde: Letzte Schutzmaßnahmen
Gurtstraffer und Airbags werden aktiviert. Sie halten den Körper zurück und verhindern schwere Verletzungen. Der Airbag entfaltet sich in 30 bis 50 Millisekunden. „Diese Rückhaltesysteme sollen in Zukunft noch weiter optimiert werden, indem sie adaptiv gestaltet werden“, erklärt Matthias Kühn. „Die Funktion von Gurt und Airbag passt sich dann an die jeweilige Körpergröße, das Körpergewicht und das Alter der Personen im Fahrzeug an, um sie noch besser zu schützen.“
0 Sekunden: Notbremsung und Knautschzone
Das Fahrzeug prallt auf das Heck des Vordermanns. Die Notbremsung konnte den Unfall nicht verhindern, aber die Wucht deutlich reduzieren. Die Knautschzone verformt sich gezielt, um Energie abzubauen. Der Fahrgastraum bleibt intakt, Rückhaltesysteme wirken optimal.
+ 0,2 Sekunden: Gurt und Airbag haben den Fahrer aufgefangen
Der Fahrer bleibt unverletzt.
Post-Crash-Phase: Die Gefahr ist noch nicht vorbei
+ 0,5 Sekunden: Multikollisionsbremse
Nach dem Aufprall verhindert die Multikollisionsbremse ein unkontrolliertes Weiterrollen und damit mögliche Folgekollisionen. Das Fahrzeug kommt sicher zum Stehen, die Warnblinkanlage wird aktiviert.
+ 1,5 Sekunden: Der eCall leitet die Rettung ein
Crashsensoren im Fahrzeug erkennen den schweren Unfall und lösen automatisch den Notruf 112 aus. Per Mobilfunk wird die Sprachverbindung zur Notrufzentrale aufgebaut, gleichzeitig wird ein sogenanntes Minimum Set of Data mit Informationen wie Standort und Fahrzeugtyp übermittelt. Sollte über die Freisprecheinrichtung im Auto niemand antworten – etwa weil die Insassen bewusstlos sind – wird automatisch Hilfe geschickt, basierend auf den erhaltenen Daten.
„Der eCall verkürzt die Reaktionszeit der Rettungskräfte erheblich“, sagt Matthias Kühn. Damit das Rettungsteam seinen Einsatz künftig noch besser vorbereiten kann, soll das Minimum Set of Data erweitert werden: Zum Beispiel könnten – soweit für das System erkennbar – die Anzahl der Insassen und eine Airbag-Auslösung mitgesendet werden, denn solche Informationen sind für die Vorgehensweise bei der Rettung und die Wahl der Rettungsmittel relevant.
+ 5 Sekunden: Sicherheit an der Unfallstelle
Wenn möglich, sollten unverletzte Personen das Fahrzeug verlassen und sich hinter die Schutzplanke begeben. In manchen Situationen ist es jedoch sicherer, im Fahrzeug zu bleiben. Autohersteller testen derzeit selbstfahrende Roboter, die automatisch Warndreiecke aufstellen, um die Unfallstelle abzusichern.
Ausblick: Mehr Fahrsicherheit durch KI und V2X-Vernetzung
Automatische Sicherheitssysteme wie der Notbremsassistent haben bereits heute einen großen Einfluss auf die Verkehrssicherheit – aber es gibt noch viel Potenzial für Optimierungen: „Notbremsassistenten können künftig durch präzisere Sensorik, KI-gestützte Objekterkennung und bessere Umfeldanalyse deutlich verbessert werden. Intelligente Algorithmen sollten stärker kontextbezogen und vorausschauend reagieren. Dann wären noch schnellere Brems- und Ausweichmanöver möglich, die besser auf die Gesamtsituation abgestimmt sind. Durch die V2X-Vernetzung mit anderen Fahrzeugen und der Infrastruktur lassen sich Gefahren frühzeitig erkennen. Over-the-Air-Updates und lernfähige Systeme sorgen für kontinuierliche Optimierung“, blickt Matthias Kühn in die nahe Zukunft.