Das Zukunftsmagazin von TÜV SÜD

VOLLGAS IM KOPF

—— Das Team von TÜV SÜD Pluspunkt widmet sich einem oft unterschätzten Thema: Stress am Steuer. Verkehrspsychologen Thomas Wicke und Michael Zeissl sprechen über eine unterschätzte Risikogruppe, Tricks aus dem Rennsport und die Kunst, im Stau gelassen zu bleiben.

TEXT DAVID LÜTKE
ILLUSTRATION MIRJA SCHÖNE & MUEHLHAUSMOERS (ERSTELLT MIT KI)

Gab es eine Zeit, in der Autofahren entspannter war?
———— Thomas Wicke: In den Achtzigern war die Verkehrsdichte geringer, zumindest auf den Autobahnen. Wir hatten damals Strecken, auf denen man kilometerweit niemandem begegnet ist. Dafür gab es mehr Verkehrstote wegen fehlender Technik.
Die meisten Unternehmen der Transport- und Logistikbranche haben Fuhrparkmanager für ihre Fahrzeuge. Wie sieht es mit „Fuhrparkmanagern für den Kopf“ aus?
———— Michael Zeissl:
Das Thema mentale Gesundheit ist in der Branche noch nicht flächendeckend angekommen. Oft wird erst reagiert, wenn etwas passiert, etwa bei Auffälligkeiten wie häufigen Unfällen oder zu vielen Punkten in Flensburg.
———— TW: Psychische Belastungen sind schwerer zu erkennen als die körperlichen – aber genauso relevant.

„Autofahren ist komplexer, als viele denken – unbewusste Stressreaktionen und ständige Entscheidungen belasten den Körper stark.“

Thomas Wicke
Ihr Programm FahrprofiPLUS für TÜV SÜD will der Zielgruppe beruflicher Vielfahrer das Thema Gelassenheit am Steuer näherbringen. Wen genau sprechen Sie damit an?
———— MZ: Als berufliche Vielfahrer bezeichnen wir vor allem Außendienstmitarbeiter, Servicetechniker oder Berufskraftfahrer, die viel und regelmäßig am Steuer unterwegs sind – meistens Menschen zwischen 30 und 50. Unsere Workshops umfassen mentales Training, körperbasierte Entspannungsübungen, Emotionskontrolle und Stressmanagement. Wir bieten Gruppen- und auf Wunsch auch Einzelseminare an – alles onlinebasiert.
Wieso werden diese Vielfahrer als Risikogruppe für mentale Belastung oft übersehen?
———— TW: Autofahren ist komplexer, als viele denken. Es gibt im Straßenverkehr viele unbewusste Stressreaktionen, etwa erhöhter Puls oder Muskelanspannung. Das Steuern eines Fahrzeugs geht mit multiplen Anforderungen einher. Man muss sich dauernd sehr schnell entscheiden und dabei unübersichtliche Situationen einschätzen und eine Vielzahl von Informationen gleichzeitig verarbeiten.
Und diese kleinen Stress-Spitzen summieren sich?
———— MZ: Genau. Bei täglichem Dauerstress durch Staus, Zeitdruck oder Kundenkontakt steigt der Cortisolspiegel. Das kann zu Bluthochdruck, Schlafstörungen und anderen Erkrankungen führen. Mit FahrprofiPlus zeigen wir, wie man dem vorbeugt oder besser damit umgeht.
———— TW: Ich kenne viele Berufskraftfahrer, die sagen: ‚Das macht mir alles gar nichts mehr aus.‘ Aber dann erzählen sie von all den Krankheiten, die sie mittlerweile haben. Sie haben den Stress eben nicht konstruktiv bewältigt, sondern sind lediglich abgestumpft.
Wie bauen Sie Ihre Workshops auf?
———— MZ: Wir stärken das Bewusstsein für Fahrgewohnheiten und Stressmuster. Themen wie Pausenverhalten, Aufmerksamkeitssteuerung oder das Abstandsverhalten stehen im Fokus. Auch mentale Vorbereitung und der Umgang mit Stresssituationen werden trainiert. Wichtig ist der Transfer in den Alltag.
Ihr Angebot scheint leider ein Kind der Zeit zu sein.
———— TW: Sicherlich. Die Verkehrsdichte ist hoch, der Schwerlastverkehr nimmt zu und im Lieferverkehr gibt es immer mehr Zeitdruck. Das sind zusätzliche Stressoren. Aber mit den richtigen Techniken kann man lernen, ruhig zu bleiben.
———— MZ: Dabei bedienen wir uns auch bei Erkenntnissen aus dem Rennsport. Zum Beispiel empfehlen wir eine „Vorstart-Routine“. Hier bereitet man sich mental auf die Strecke und die Fahrt vor, geht typische Situationen durch und nimmt dabei bereits eine innere Haltung ein. Das bedeutet nicht, dass man sich bei einer Routinefahrt eine halbe Stunde in den Keller zurückziehen muss. Aber das bewusste Aktivieren eines förderlichen Mindsets wirkt sich bereits beim Losfahren positiv aus. Auch Atemübungen oder die trainierbare Fokussierung über den Lenkradgriff sind Tricks.
———— TW: Wichtig ist, dass die Methode zur Person passt. Man muss erstmal die persönlichen Triggerpunkte erkennen. Was stresst mich wirklich? Auf der Basis kann man sich Selbstinstruktionen zurechtlegen, etwa: „Wenn ich im Stau stehe, bleibe ich ruhig.“ Bekannte Stressoren lassen sich vorab rationalisieren. Das nimmt ihnen die emotionale Wucht.

„Dauerstress durch Staus und Zeitdruck kann zu Bluthochdruck oder Schlafstörungen führen. Mit FahrprofiPLUS zeigen wir, wie man dem vorbeugt.“

Michael Zeissl
Wie hat sich Fahren durch technologische Innovationen verändert – etwa durch Spurhalteassistenten oder Tempomaten?
———— TW: Egal, was Ihr Fahrzeug bietet: Die Verantwortung tragen Sie immer noch als Kraftfahrer. Assistenzsysteme helfen vor allem auf der Autobahn. Im Stadtverkehr bleiben Fahrerinnen und Fahrer gefordert. Hinzu kommen immer mehr zusätzliche Reize wie Musik, Telefonate oder Systemmeldungen. Das ist selbstgemachter Stress. Wir können klar sagen: Multitasking funktioniert nicht, auch nicht mit Freisprechanlage.
———— MZ: Man kann entscheiden, wie viele Reize man zulässt. Denn bei Überlastung schaltet das Gehirn in den Autopilot und man verpasst beispielsweise die Ausfahrt.
Wie oft müssen Sie angesichts technologischer Entwicklungen Ihre Inhalte anpassen?
———— MZ: Es ist ein laufender Prozess. Die psychologischen Mechanismen jedoch sind seit Jahrtausenden gleich. Die Technik ändert sich, aber unser Gehirn reagiert immer noch wie früher.
Gab es eine Zeit, in der Autofahren entspannter war?
———— TW: Ich sage mir: „Es kann einiges passieren – bleib cool.“
———— MZ: Mein Mantra: „Es ist, wie es ist. Mach das Beste draus.“

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