WIE WIRD DAS FAHRRAD ZUM BESSEREN VERKEHRSMITTEL?
Es gibt Menschen mit einem Fahrrad für alle Fälle. Und es gibt Menschen wie Horst Draudt – der hat für jeden Fall ein Fahrrad. „Ich habe ein klassisches Dorfrad für den Weg zum Bäcker, von meinem Vater geerbt. Dann habe ich ein hochklassiges italienisches Rennrad und ein Vollcarbon-Mountainbike.“ Ein E-Bike sei noch nicht dabei, aber schon auf der Wunschliste, gibt er zu. Horst Draudt wohnt in unmittelbarer Nähe zu den Alpen – ein guter Grund für seine Lust auf vielseitige Sporträder. Zur Arbeit ins nahegelegene München pendelt er allerdings lieber mit dem Zug. Dennoch sei er immer wieder positiv von der verkehrskulturellen Entwicklung der Stadt überrascht. „Natürlich ist München keine der Fahrradhauptstädte Europas, aber trotzdem sehe ich, dass die Stadt in Sachen Radverkehr große Schritte macht“, erzählt er. „Fahrradfahren macht hier einfach Spaß.“ Sogar im Winter würden die Räder nicht im Keller bleiben, wie Draudt beobachtet. Das sei unter anderem spezialisierten Innovationen wie beheizbaren Handschuhen zu verdanken. Der Fortschritt enthalte aber vor allem eine wichtige Botschaft: „Alles ist möglich. Wir wollen Fahrrad jetzt! Wir wollen den Raum und die Akzeptanz. Das spürt man mit jeder Faser.“
Diese Wahrnehmung wird auch von jüngeren Umfragen und Statistiken belegt. So zeigte schon der Fahrrad-Monitor 2021, eine vom deutschen Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geförderte Umfrage, dass das Rad im Verkehrsmittelvergleich das höchste Wachstumspotenzial hat. In Zukunft wollen laut der Studie 41 Prozent der Menschen im Alter zwischen 14 und 69 Jahren häufiger Rad fahren. Und laut des vom Bundeskabinett vorgestellten Nationalen Radverkehrsplans 3.0 soll Deutschland bis 2030 Fahrradland werden. Und europaweit ist seit 2021 der Pan-Europäische Masterplan für die Förderung des Radverkehrs in Kraft. Länder wie Luxemburg, Irland oder Belgien gelten als Vorreiter in Sachen Investition in den Radverkehr – starke Newcomer sind zum Beispiel Ungarn oder Slowenien.
Wie ein Fahrradland genau aussehen könnte? Davon hat Horst Draudt eine ziemlich genaue Vorstellung. Er ist nicht nur erklärter Fahrradenthusiast, sondern auch Senior Remarketing Expert in der Division MOBILITY von TÜV SÜD. Mit seinem Team baut er den Geschäftsbereich Fahrrad für das Unternehmen auf und entwickelt Produkte, die das Zweirad attraktiver machen sollen. Seine Neugier für die Zukunft der Mobilität lässt ihn stets mit offenen Augen durch die Stadt gehen. „Ich sehe genau hin – was fahren die Leute, mit welchen Features sind sie unterwegs?“ Und er geht auf Menschen zu, spricht sie an. „Ich frage ganz offen: Was fehlt euch zum Glücklichsein als Fahrradfahrer?“ Was neben sicheren Radwegen, flüssiger Verkehrsführung und Diebstahlschutz auch oft genannt würde, sei das Thema Versicherung. Genau bei diesem Thema setzen Horst Draudt und sein Team nun an. Ihr Anspruch: Das Kauf- und Nutzungserlebnis rund ums Fahrrad auf ein Level mit dem beim Automobil zu heben. Durch immer mehr Leasingangebote gebe es auch bei Fahrrädern immer mehr spezialisierte Versicherungsprodukte. Vielfach sei allerdings das Fahrrad nur nebenbei in der Hausratversicherung enthalten, wie Draudt betont. Heutige Versicherungsleistungen seien oft noch nicht auf neue Trends ausgerichtet, beschreibt Draudt das Vakuum für Serviceinnovationen und Paketlösungen am Fahrradmarkt.
Was sind sie denn, die Trends in einer fahrradfreundlichen Stadt? „Fahrradmietstationen werden ein Modell bleiben“, sagt Draudt. „Ich hole mir das Fahrzeug da, wo es steht.“ Draudt zieht den Vergleich zum Thema Carsharing. „Das Modell musste ja auch durch verschiedene Entwicklungsstufen gehen – in Sachen Fahrrad kopiert man gerne vom Automobil, auch in Bezug auf Services.“ Ferner sieht der Mobilitätsexperte einen dramatischen Zulauf für das Leasing-Geschäft und vom Arbeitgeber bereitgestellte Fahrradflotten. „Gerade in der Großstadt, wo es darum geht, von A nach B zu kommen, steht Besitzen nicht mehr so im Vordergrund – um den Nutzen geht es.“
Auch Elektromobilität sei nicht mehr aus der Fahrradbranche wegzudenken. „Das E-Bike hat sich auf breiter Front durchgesetzt. Wir haben letztes Jahr in Deutschland erstmals mehr verkaufte E-Bikes als herkömmliche Fahrräder verzeichnet“, sagt Draudt. „Das ist ein Trend, der sich nicht mehr umkehren wird.“ Laut des Verbands der europäischen Fahrradindustrie Conebi nahmen die Verkäufe von Fahrrädern mit Elektro-Motor in der EU und Großbritannien 2022 um 8,6 Prozent auf 5,5 Millionen zu. Die europaweite Produktion stieg um fast ein Fünftel an.
Mit ihren Dienstleistungen wenden sich Horst Draudt und sein Team vor allem an den Handel. „Von ihrem Händler erwarten die Kunden, dass er neben Fahrrädern auch guten Service bietet.“ Als neue Dienstleistung bietet TÜV SÜD daher seit Kurzem Schadengutachten fürs Fahrrad an – etwa, wenn ein teures Rad nach einem Unfall beschädigt wurde. Denn auch, wenn im Schadensfall ein Rechtsanwalt oder eine Leasinggesellschaft zwischengeschaltet seien, lande ein Kunde immer bei seinem Händler. „Und der muss helfen können“, erklärt Draudt. Von der Schadenskalkulation bis zur Reparatur. Durch ein vereinfachtes, digitalisiertes Schadengutachten spart der Händler Zeit, während der Kunde sich im rechtssicheren Raum bewegt. „Wir haben also in erster Instanz ein Produkt aus dem Kfz-Bereich, das wir sehr gut beherrschen“, sagt Draudt. „Das führen wir jetzt ein – und zwar mit dem TÜV SÜD-Anspruch an Kundenorientierung.“
Draudt sieht im dynamischen Fahrradmarkt noch viele Möglichkeiten. Auf lange Sicht seien beispielsweise eine digitale Fahrradakte, eine vernetzte Community und Dienstleistungen rund um Trendthemen wie Radreisen, Transport und sicheres Parken möglich. „Ein solches Paketangebot gibt es noch nicht – der Raum und der Bedarf hier sind groß“, sagt Draudt.