WIE WIRD DAS FAHRRAD ZUM BESSEREN VERKEHRSMITTEL?
—— Horst Draudt baut bei TÜV SÜD den Geschäftsbereich Fahrrad auf. Seine Leidenschaft für Mobilität lebt er auf Münchens Straßen und Bayerns Trails – mit Blick auf digitale Services für Radfans.
Nur auf den ersten Blick klingen diese Zahlen* sehr gut: In den USA sind die Verkäufe von gebrauchten E-Autos in 2024 um 62,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Im Vereinigten Königreich wechselten 57,4 Prozent mehr gebrauchte Stromer den Besitzer. In China – dem weltweit größten Markt für Elektroautos generell – wächst der Umsatz mit elektrisch angetriebenen Gebrauchtwagen jährlich um mehr als 30 Prozent.
Im Vergleich zum Gebrauchtmarkt für Verbrennerfahrzeuge ist das Geschäft mit Elektroautos aus zweiter Hand jedoch nur eine kleine Nische. Das Angebot nimmt zwar deutlich zu, weil seit Jahren immer mehr elektrisch angetriebene Neuwagen zugelassen werden und sich mehr Besitzer inzwischen wieder von ihren Fahrzeugen trennen, etwa um auf ein neueres Modell umzusteigen. Die Nachfrage nach den Second-Hand-Stromern bleibt jedoch verhalten. Verkäufer müssen den Preis niedrig ansetzen und oft mehrere Monate warten, bis sie einen Abnehmer finden. Der Wertverlust von gebrauchten Elektroautos ist derzeit deutlich höher als bei vergleichbaren Verbrennern. Darunter leiden Autohändler, Leasing-Anbieter und private Verkäufer. In Deutschland zum Beispiel verlieren Elektroautos laut einer Berechnung der Versicherung Allianz nach drei Jahren 48 bis 57 Prozent ihres Wertes, bei Verbrennern sind es dagegen nur 39 Prozent.
Der besonders starke Wertverlust der Fahrzeuge mit Elektroantrieb hat mehrere Gründe: Technologische Fortschritte bei Batterien, Reichweite und Ladeleistung machen ältere Modelle schnell unattraktiv. Der Wegfall staatlicher Förderungen mindert die Nachfrage nach Elektroautos insgesamt. Viele Hersteller haben die Preise für elektrisch angetriebene Neuwagen gesenkt, was den Wiederverkaufswert drückt. Potenzielle Käufer sind verunsichert, was den Batteriezustand und die Restreichweite von gebrauchten Stromern betrifft. Alle diese Faktoren führen zu einem zurückhaltenden Kaufverhalten.
Autohändler können ihren Kunden zumindest die Verunsicherung über den Zustand der Batterie des gebrauchten Elektrofahrzeugs nehmen: mit einem verlässlichen Zertifikat durch einen neutralen Gutachter. TÜV SÜD bietet diese Dienstleistung für Firmenkunden wie Autohändler und Leasinganbieter zurzeit in Deutschland und Schweden an. Spanien, Rumänien und weitere Länder werden folgen. „Unsere Batteriediagnose erfolgt mit einer mobilen Box vor Ort beim Kunden“, erzählt Ingmar Schüller, Product Owner Digitalisation bei der TÜV SÜD Auto Partner GmbH. „Die Technologie stammt von unserem Partner AVILOO.“
Innerhalb von drei Minuten wird die Kapazität der Fahrzeugbatterie ausgewertet. Die Diagnose macht auch das Fahr- und Ladeverhalten des früheren Nutzers erkennbar. „Wenn dieser das Fahrzeug für eher kurze Strecken verwendet und bei niedriger Spannung an der Wallbox langsam wieder aufgeladen hat, war die bisherige Beanspruchung der Batterie gering“, erläutert Ingmar Schüller. „Anders sieht es aus, wenn der Fahrer oft weite Strecken gefahren ist, auf der Autobahn mit hohen Geschwindigkeiten unterwegs war und zwischendurch oft das Schnellladen genutzt hat. Häufige starke Ladezyklen stressen die Batterie.“ Solche Faktoren fließen in die Diagnose ein. Das Gesamtergebnis, das den Zustand der Batterie zusammenfasst, ist der „State of Health“ (SoH), der in Prozent gemessen wird. Eine Batterie im perfekten Zustand erreicht 100 Prozent.
„Allerdings hat der SoH zurzeit noch eine beschränkte Aussagekraft“, bemängelt der Experte von TÜV SÜD. „Dieser Wert beruht nämlich auf Daten, die vom Fahrzeug geliefert werden. Die Fahrzeughersteller wenden dafür jeweils eigene Berechnungsmethoden an. Eine herstellerübergreifende Standardisierung des SoH soll es künftig ermöglichen, dass der Batteriezustand von verschiedenen Elektroauto- Marken und -Modellen objektiv vergleichbar ist. TÜV SÜD arbeitet in leitender Position in den Normungsgremien mit, die diesen Standard definieren.“
Das Batteriegutachten von TÜV SÜD ergänzt den SoH-Wert außerdem durch den AVILOO-Score, um die Testergebnisse noch aussagekräftiger zu machen. Ingmar Schüller ist sicher: „Batteriezertifikate werden im Gebrauchtmarkt für Elektroautos obligatorisch. Die Käufer werden darauf bestehen.“ Der hohe Wertverlust wird für den Gebrauchthandel mit Elektroautos aber eine Herausforderung blieben. Immer dann, wenn eine neue Welle von Leasing-Rückläufern in den Wiederverkauf geht, verschiebt sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage – die Preise fallen.
Batteriezertifikate können jedoch zumindest einen großen Anteil daran haben, den Markt zu stabilisieren, indem sie das Vertrauen in die Lebensdauer von Elektroautos stärken. Darüber hinaus können Händler und Hersteller noch mehr anbieten, um den Wiederverkaufswert von Elektrofahrzeugen besser zu erhalten. Robuste Garantien geben Käufern mehr wirtschaftliche Sicherheit. Refurbishing-Programme und regelmäßige Software-Updates halten die Technologie des Stromers auf dem bestmöglichen Zustand. Je besser die Anbieter dokumentieren können, dass ein Elektrofahrzeug sehr gut gepflegt wurde, desto höher wird der Wiederverkaufswert sein.